Gute - Nacht - Geschichten


Ein Waldspaziergang



Es war Spätfrühling , ging schon dem Sommer zu und es war recht heiss an diesem Nachmittag . Im Wald war es ruhig, nur ab und zu war das leise Zwitschern vereinzelter Vögel zu hören und gelegentlich ein sachtes Rauschen in den Wipfeln der Bäume , verursacht vom Wind , der kurz vor dem Einschlafen schien . Die Sonne reflektierte durch den Schatten der Blätter , und es war einfach friedlich . Gedankenverloren spazierte ein alter Mann auf dem einsamen Pfad der sich durch das Unterholz schlängelte . Wurzeln durchkreuzten ihn und der Mann achtete sorgsam darauf , dass er nicht darüber stolperte . Schön war es, so richtig schön , wie früher , vor vielen Jahren als der Mann noch ein kleiner Junge war und durch die heimatlichen Wälder streifte . Damals freilich nicht so gemächlich wie heute - aber das war ja auch lange her . Damals musste er noch nicht auf Wurzeln achten und kleine Äste - da war er einfach durchgesaust durch die Büsche und Hecken . Ach , war das lange her !

Tief in seine Gedanken versunken , stolperte der Mann über eine Wurzel . Da lag er nun und war ganz rasch und unsanft wieder in der Gegenwart gelandet . Als er sich gerade wieder aufrappeln wollte , sah er zwei oder drei Meter vor sich einen schwarzen Vogel aufgeregt auf dem Pfad hin und her hüpfen . Das Tier piepste jämmerlich und ein Flügel des Vogels hing an der Seite herab als wäre er gebrochen . Mühsam hüpfte er davon , piepste aufgeregt und kam immer wieder ganz nahe zurück zu dem Mann und schleppte sich dann wieder fort .

Der Mann lächelte , blieb einfach auf dem Boden liegen und sah der Amsel zu . Es war ein Weibchen , das erkannte er am schwarzen Schnabel - denn die Männchen haben gelbe Schnäbel, das wusste er noch von früher , aus seiner Kindheit . Und er durchschaute auch , dass ihr Flügel keineswegs gebrochen war . " Du willst mich nur loswerden , was ?" flüsterte er dem Tier beruhigend zu . Ja , hab schon verstanden , ich kenne deinen Trick!" Vorsichtig , wie er es als Kind gelernt hatte , stand er auf , ging einige Meter zurück , stellte sich hinter einen dicken Baum und wartete.

Und wirklich , so wie er es in der Kindheit oft beobachtet hatte, beruhigte sich die Amsel sehr rasch wieder - und dann konnte sie plötzlich wieder mühelos hüpfen . Auch der Flügel sah nicht mehr gebrochen aus . Sie flog mit kräftigen Flügelschlägen ins Gebüsch , und der Mann hörte was er gleich vermutet hatte : Ein Amseljunges piepste hungrig .

Vorsichtig näherte er sich wieder der Stelle wo er gestolpert war und entdeckte gleich neben dem Pfad auf dem Boden eine junge Amsel , die offenbar nach dem ersten , kläglich gescheiterten Flugversuch unsanft gelandet war , und das schützende Nest nicht mehr erreicht hatte .
"Bist wohl etwas zu früh ausgeflogen", sagte der Mann leise , "aber keine Sorge , deine Mutter wird schon für dich sorgen , sie weiss wie sie aufpassen muss auf dich . Solltest nicht so ungeschützt da sitzen , kleiner Vogel ! Hast Glück , dass ich nicht mehr der Junge bin wie früher . Der hätte sicher versucht, dich zu fangen und hätte dir mit seinen Rettungsversuchen mehr geschadet als geholfen !" Der Mann entfernte sich langsam wieder von dem kleinen Vogel und beobachtete, wie die Mutter sogleich herbeiflog . Sie trug Futter im Schnabel. "Hast wohl viele Schnäbel zu stopfen noch", sagte der Mann , "ich wünsch dir Glück ! "

Der Mann schüttelte den Kopf und dachte lächelnd an seine Jugend . Früher , als er noch ein Kind war , da hatte er in jedem Busch oder Baum die Nester schon geahnt , noch bevor er sie richtig gesehen hatte . "Heute musst du schon auf die Nase fallen um auf etwas aufmerksam zu werden", dachte er bei sich . Aber seine Liebe zum Wald und zum frühen Sommer war ungebrochen geblieben . Sorge bereitete ihm das hilflose kleine Vogelkind , aber er tröstete sich : Morgen schon würde es wahrscheinlich nicht mehr auf dem Boden sitzen , sondern gelernt haben , sich auf den sicheren Ästen zu halten .

Nach einigen Metern drehte der Mann sich noch einmal um . In diesem Moment sah er dort , wo eben noch die junge Amsel gewesen sein musste , ein heftiges Flügelschlagen - ein kurzes jämmerliches Piepsen war zu hören , und ein grosser Vogel erhob sich von der Stelle und flog eilig davon . Die Amselmutter ziepte aufgeregt und flatterte wild im Geäst hin und her und der Mann hörte sie noch eine ganze Weile - auch als er schon weit weg war ... Dann wurde es still . Der Mann blieb stehen , ihm war als hielte selbst der Wind inne . Der Wald war nicht mehr so schön wie zuvor - auch der Frühsommer war nicht mehr so schön .
"Lass gut sein ", sagte der Mann zu sich selbst , " es hat sich in all den Jahren nichts geändert , alles ist , wie es immer war - du bist nur alt geworden" .


Mai 2000 maeb



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