Gute - Nacht - Geschichten


Nur ein Spatz


 
Es war ein sonniger Tag . Maxl hatte seine Hausaufgaben gemacht , die Hefte schnell in den Schulranzen gesteckt und schlich heimlich aus dem Haus . Das musste er so tun , denn sonst hätte Mutter sicher nachschauen wollen , ob er auch alles richtig gemacht hatte , und sie hätte bestimmt so einige Fehler gefunden , - besonders bei den Rechenaufgaben . Nein , für heute hatte er genug . Draussen war es doch viel schöner als in der Stube zu hocken .
Es war sehr heiss , die Luft flimmerte über der Strasse , und der Asphalt brannte an Maxls Füssen , denn er ging barfuss . Er war das gewöhnt und es machte ihm nichts aus . Die kleinen Steine und den Split spürte er nur wenig . Damals liefen fast alle Kinder dieser Gegend barfuss , vom Frühling bis in den Herbst , denn Schuhe waren teuer und man musste sparen . Aber dafür durfte er Seppelhosen tragen . Das waren kurze Hosen aus Leder die schon schön speckig waren , und die Hosenträger waren auch aus richtigem Leder . Die trug er gerne , denn man musste nicht ständig aufpassen dass sie dreckig wurden oder gleich mal ein Fetzen abhing , wenn man durch die Büsche fegte oder den Wald . Und - sie würden mindestens drei Jahre halten , hatte Mutter gesagt .
Maxl fasste in die Hosentasche . Ja , er hatte sie nicht vergessen , seine geliebte Steinschleuder ! Die hatte er sich erst kürzlich aus einer schönen gleichmässigen Astgabel neu geschnitzt . Sie hatte einen Gummizug , den er fein säuberlich aus einem echten Fahrradschlauch geschnitten hatte , und ein Stück Leder zum halten der Steine . Damit konnte man weit schiessen - und Maxl konnte gut schiessen , darauf war er stolz . Für seine 12 Jahre war er ein recht kleiner Junge , - die anderen Jungs in seinem Alter waren alle grösser als er - , und darum genoss er die Bewunderung der anderen für seine Geschicklichkeit .
Eigentlich war es ja verboten eine Steinschleuder zu haben . Aber ein richtiger Junge hatte einfach eine , das war kein Geheimnis . Man durfte sich nur nicht erwischen lassen , wenn man auf Strassenlampen schoss ! Eine Fensterscheibe von Nachbarn kaputt zu schiessen war eigentlich das schlimmste was einem passieren konnte . Auf Spatzen zu schiessen war nicht ganz so schlimm , sagten die Alten , - aber auf Singvögel , da war das schon anders . Da bekam man den Hintern versohlt und das tüchtig . Denn Singvögel , so sagten die Erwachsenen immer , waren schöne und nützliche Tiere , die frassen Insekten und sonstiges Ungeziefer . Spatzen hingegen gab es genug , die bauten ihre Nester unter den Schindeln der Dächer und machten nur Dreck und Lärm . Ausserdem frassen sie im Frühling die Samen aus den Beeten in den Gärten . Spatzen waren einfach keine nützlichen Tiere und manche älteren Jungs durften auch ungestraft ihre Nester ausheben .

Weit genug weg von den gestrengen Augen der Mutter , sah Maxl sich um : Die kleinen Einfamilienhäuser - in denen zu der Zeit nicht selten drei und mehr Familien wohnten - standen zu beiden Seiten der Strasse nebeneinander gereiht, eines sah aus wie das andere , denn es war eine Siedlung . Vorne gab es Vorgärten und nach hinten hatte jedes Haus auch einen schönen grossen Garten . Und die Stromleitungen waren damals noch über den Dächern montiert - von einem Haus zum andern . Auf diesen Leitungen sassen Spatzen oft scharenweise zusammen und zwitscherten und machten Lärm . Und so manchen Spatz hatte Maxl da schon abgeschossen mit seiner Schleuder .

An jenem Tag aber sass nur ein einzelner Spatz auf der Stromleitung , genau in der Mitte zwischen zwei Häusern .
Maxl schaute sich um , ob nicht aus einem der oberen Fenster , irgend jemandes Grossmutter ihn beobachten konnte . Da musste man aufpassen , denn Grossmütter sahen fast immer alles .
Aber niemand war zu sehen ! Also nahm er seine Schleuder hervor und suchte einen geeigneten Stein . Zisch ! Der Stein flog an dem Spatz vorbei . Nicht getroffen ? Noch ein Stein , sauber in das Lederstück eingelegt und gezielt : Zisch ! Und wieder knapp daneben ! Der Spatz aber rührte sich nicht . Das gab es doch nicht ! Wieso flog er nicht weg ? Dir werde ich es schon zeigen , dachte Maxl und schoss den nächsten Stein ab . Diesmal zischte er wirklich nur ganz knapp vorbei und doch tat der Spatz so als wäre nichts geschehen - ja er wendete gar den Kopf , so als schaue er dem Stein noch nach ! Maxl wurde ärgerlich weil er nicht getroffen hatte , und weil der Spatz nicht einfach wegflog . Die wussten doch sonst immer , wann es gefährlich für sie war ! Maxl kramte in seiner Hosentasche nach einer Eisenkugel . Schön rund und glatt war sie . Sollte er sie opfern ? Er hatte die Eisenkugel einmal beim Murmelspielen gewonnen und seither gehütet wie ein Schatz . Aber er wollte diesen Spatz ja unbedingt treffen . Und diesmal zielte er sehr sorgfältig - und er traf ! Der Spatz fiel herunter . Geschafft !
Maxl schaute sich um , ob ihn auch wirklich niemand gesehen hatte , und stieg über den Vorgartenzaun um den Spatz zu holen . Da lag er zwischen den Blumen , und - er war tot .
Aber es war kein Spatz , es war ein Singvogel ! Ein Goldammer war es !
Vorsichtig nahm Maxl den Vogel in die Hände und betrachtete den kleinen , zerbrechlichen Körper , die zierlichen Beinchen , das Köpfchen mit den halb geschlossenen Äuglein aus denen aller Glanz schon gewichen war . Und urplötzlich war es nicht mehr wichtig , ob dieses kleine Geschöpf nützlich war oder nicht . Schön oder weniger schön , ein Goldammer oder Spatz ! Was konnte ein Spatz dafür dass er nur ein Spatz war , und was konnte ein Singvogel dafür dass er ein Singvogel war und nicht ein Spatz ? Maxl begriff was er da getan hatte und es tat ihm unendlich leid . Armer Vogel . Er trug den kleinen leblosen Körper hinüber in seinen Garten . Dort grub er mit seinen Händen ein kleines Loch , legte es mit Gras aus und bettete den toten Vogel hinein . Dann pflückte er von Mutters Dahlien eine schöne grosse Blüte und legte sie obenauf , und darüber breitete er Sand und machte einen kleinen Hügel daraus . Ein richtiges kleines Grab bereitete er seinem Opfer , und vom nahen Apfelbaum brach er einen Zweig ab , machte ein Kreuz daraus und steckte es in den kleinen Hügel .
Als von oben , vom Dach her , ein Spatz fröhlich in den Tag zilpte , da klang es genauso schön wie das schönste Singen eines Singvogels für ihn....Kleine Jungs weinen ja bekanntlich nicht , drum schaute Maxl zu Boden und wischte sich mit dem Ärmel die Augen . - Und er wusste , dass er nie , nie wieder auf einen Vogel schiessen würde !


Juni 2000 maeb

 

 




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