Gute - Nacht - Geschichten


Freunde



Der Sommer war vorbei und der Herbst machte dass die Blätter der Bäume in wunderschönen Farben erstrahlten wenn die Sonne schien - alles hätte so schön sein können , aber Elli war immer noch tot . Maxl hatte lange gehofft dass sie vielleicht doch noch irgendwie wieder lebendig werden würde , aber es geschah nichts . Die Erwachsenen mochten nicht mehr darüber reden , - es ginge ihr sicher gut da wo sie jetzt sei - ein braves Kind sei sie ja immer gewesen . Auch Othmar meinte dass sie nun wohl nicht wiederkäme , jetzt wo sie schon so lange tot war .
Immerhin , Othmar hatte es gut , denn der hatte eine gute Verbindung zum lieben Gott , - was manches einfacher machte für ihn . Er konnte seine Sünden in der Sonntagskirche beichten beim Herr Pfarrer , und dann waren sie ihm vergeben und er konnte neue machen . Na ja , manchmal musste er auch drei oder fünf Vaterunser extra beten zur Strafe - aber das machte ihm nichts aus .

Maxl hatte es da schon schwieriger mit dem Sünden machen , denn er konnte bei seinem Pfarrer nicht beichten , und so wusste er nie welche Sünden nun vergeben waren und welche Sünden der liebe Gott in seinem Buch aufschrieb . Aber da Othmar ein sehr guter Freund war , nahm er manche Sünden von Maxl auf sich und beichtete sie als seine eigenen .
Auch das Fluchen übernahm er für ihn . Das war gut für Maxl , denn oft wusste man ja nicht ob es nun eine wirkliche Sünde war oder nicht . Hunger zu haben war keine Sünde - aber ein Stück Brot zu essen ohne vorher gefragt zu haben , das war sicher eine , jedenfalls behaupteten das die Erwachsenen .
Und fluchen , das durften auch nur die Erwachsenen . Da Maxl und Othmar so ziehmlich alles teilten was der eine oder andere besass , war es klar dass sie auch ein Stück Brot miteinander teilten wenn sie Hunger hatten und es sich beschaffen konnten . Wenn es also bei Maxl etwas zu holen gab zuhause , dann nahm er Othmar mit , und der konnte es dann nehmen . Denn , selbst wenn Mutter es nicht merkte - der liebe Gott sah es ja bestimmt , und so konnte Othmar bei seiner nächsten Beichte sagen dass er das Brot gestohlen hatte . So war es nicht so schlimm und sie konnten mit gutem Gewissen in den Wald gehen , auf die Bäume klettern und das Brot genüsslich essen .

Maxl war recht froh dass er Othmar zum Freund hatte , der war ein Jahr älter als Maxl und er konnte mit ihm über alles reden . Denn Othmar wusste auch viel , fast soviel wie Elli als gewusst hatte .
Und einmal , da wusste er sogar wo das Paradies ist .
" Wirklich ? " Maxl staunte nur so , das hätte er nicht gedacht !
" Ich kanns dir beweisen " sagte Othmar .
" Aber lass uns erst in den Wald gehen , wenn wir auf dem Baum sind erzähl ichs dir " .
Das war immer so , - wenn sie etwas zu besprechen hatten gingen sie auf die Bäume . Vor längerer Zeit ist das mal Hochwald gewesen , aber man hatte die grossen Bäume fast alle abgeholzt weil es keine Kohlen gab , und inzwischen sind wieder junge Bäume nachgewachsen . So sechs bis zehn Meter hoch - Buchen und Birken und Tannen und Eichen , alles durcheinander .
Bei den Buchenbäumen konnte man gut bis in die Wipfel hochklettern und sich dann von einem Baum zum anderen schwingen und so weite Strecken zurücklegen ohne den Waldboden zu berühren . Oder man konnte sich ein Nest machen indem man drei , vier Wipfel zusammen über Kreuz legte und sich drauf setzte , das hielt wenn man es nur richtig machte .
Das taten die beiden nun also , und als sie gemütlich sitzen konnten , zauberte Othmar seinen Beweis aus dem Paradies hervor . Zwei runde gelb/rötliche Bälle !

"Die haben Bälle im Paradies ?" fragte Maxl ungläubig . " Nein , nicht Bälle - das sind Orangen " , sagte Othmar , " die kann man essen " ! Er gab Maxl eine Orange und der nahm sie vorsichtig in die Hand . Grösser als ein Apfel war sie - sowas hatte er noch nie gesehen und wollte rein beissen . "Kannst du nicht einfach rein beissen , musst sie erst schälen " sagte Othmar , und zeigte Maxl wie man eine Orange schält . Und wie man die Schnitzen auseinander nahm und sich eine in den Mund schob . Ganz saftig waren sie und schmeckten wunderbar süss !
Und Othmar erzählte Maxl dass sie ein grosses Paket bekommen hatten mit noch viel mehr Sachen drinn , wo auch noch Feigen und Datteln drinn waren die so richtig klebrig sind und noch mehr süss als diese Orangen oder Apfelsinen oder wie die hiessen . Und ein Brief ist auch dabei gewesen , den aber nicht mal seine Mutter hatte lesen können .
" Deine Mutter kann nicht lesen , wirklich ? "
"Doch , schon " , sagte Othmar - " aber das ist in amerikanisch oder so ". Ja , und seine Mutter hatte sich das von einer Lehrerin übersetzen lassen und es dann Othmar und seinen Geschwistern vorgelesen . " Und da hat drinn gestanden dass es ein Paradies in Kalifonia ist oder wie das heisst , weiss nicht genau " sagte Othmar - " und es ist ein wundervolles Paradies ! "
Das glaubte Maxl gerne , wenn es wo so schöne Früchte und so Sachen gab !

" Und dieses Paradies ist auf der Erde und nicht nur im Himmel ? " , staunte Maxl .
" Ja , das ist in Amerika , irgendwo und heisst Kalifonia oder so " . Othmar kramte einen Zettel hervor wo er sich das Wort extra aufgeschrieben hatte , und buchstabierte es ... ja California heisst es ! "
"Und die werden noch viel mehr Pakete schicken , und das sind Engel , hat meine Mutter gesagt ! "

Maxl war sehr beeindruckt und wunderte sich sehr wie diese Engel auf die Erde gekommen sind , wo es doch immer hiess die Engel gäbe es nur im Himmel . Aber das wusste Othmar auch nicht . Ob Elli wohl auch dort ist ?
" Wär gut " sagte Othmar , dann bekommst du sicher auch Pakete vom Paradies ! Und nachdenklich fügte er hinzu " ich hoffe dass sie dort kein Zahnweh haben " .
Ja , wär auch schön , sagte Maxl , denn er wusste dass Othmar oft Zahnschmerzen hatte und oft schon hatte er nicht in die Schule gekonnt weil seine linke Backe ganz dick gewesen ist . Eigentlich hatte er ihn ja auch schon ein bischen beneidet , denn nicht in die Schule zu müssen fand Maxl prima . Nur , die Schmerzen halt , die wollte Maxl natürlich nicht haben müssen - obwohl , er hätte auch die mit Othmar geteilt wenn er gekonnt hätte , aber das ging ja nicht .
Othmars Zahnschmerzen kamen halt immer wieder und auch die Nelken die er sich als an den Zahn drücken musste halfen nicht mehr , und auch nicht die zerquetschte heisse Kartoffel die er sich an die Backe drücken musste wenn er schlafen ging . Und diese Orangen , die hatten Kerne drinn , und aus Versehen hatte Othmar vorhin drauf gebissen - autsch , das tat weh !
Lieber Gott lass es aufhören das Zahnweh, hatte Othmar schon oft gebetet , aber auch das hat nichts genützt .

Um Zahnschmerzen kümmert der sich nicht , hatte Othmar mal erzählt , das hatte ihm der Herr Pfarrer gesagt - der liebe Gott habe anderes zu tun . Das konnte man schon einsehen , aber weh tat es halt doch - und es wurde ja jedesmal schlimmer . So richtig weh tat es meistens Nachts , da konnte er dann nicht schlafen , und mal hatte ihm der Herr Lehrer eine Ohrfeige gegeben weil er eingeschlafen ist in der Schule .
Morgen würde er wohl lieber nicht in die Schule gehen , sagte Othmar , denn das würde sicher wieder sehr schlimm werden diese Nacht wenn es jetzt schon so weh tat . Es wurde sowieso schon fast dunkel jetzt und so machten sich die beiden auf den Heimweg .
" Morgen zeige ich dir wie die Feigen und die Datteln aussehen die wo im Paradies wachsen " , sagte Othmar noch nachdem sie einander gute Nacht gewünscht hatten , und Maxl freute sich darauf .
Wenn Othmar nicht wäre hätte er wohl nie erfahren dass es Orangen und Feigen und Datteln und wer weiss noch was alles gibt - und überhaupt , vielleicht wäre es besser wenn Maxl auch katholisch wäre , dammit er seine Sünden selber beichten könnte .
Vielleicht hat Othmar ja zuviele Sünden beichten müssen mit denen von Maxl zusammen - vielleicht hatte er nur drum so viele Zahnschmerzen und der liebe Gott wollte nichts davon wissen . Maxl würde wenigstens darauf achten in Zukunft dass Othmar nicht mehr für ihn fluchen musste , das nahm er sich fest vor .
Tags darauf ist Othmar tatsächlich nicht in die Schule gegangen , er brachte Maxl nur schnell die Entschuldigung wo ihm seine Mutter geschrieben hatte , damit er diese seinem Lehrer abgeben konnte . Armer Othmar . Seine linke Backe war wieder ganz dick geschwollen und schlucken konnte er auch nicht richtig . Alles war entzündet , das sah gar nicht gut aus . Er musste schnell wieder zurück ins Bett damit er nicht noch mehr Fieber bekam .

Am Abend kam Othmars Mutter zu Maxls Mutter mit Tränen in den Augen und sie sagte Maxl er solle zu Othmar kommen , er wolle ihn noch mal sehen . Der Arzt sei endlich da gewesen , aber er habe gesagt er könne da nichts machen , sie müssten Othmar ins Krankenhaus bringen .
Othmar sah sehr schlimm aus , sein ganzes Gesicht war geschwollen , man erkannte ihn fast nicht wieder und er sagte zu Maxl :
" Maxl ich sehe dich doppelt ! " , und er lächelte gequält dabei . Er konnte die Augen gar nicht mehr richtig öffnen , und ganz hohes Fieber hatte er auch .
Etwa eine halbe Stunde durfte Maxl bei Othmar an seinem Bett bleiben , dann packten sie ihn hastig auf den Handwagen , auf den sie eine Bettdecke gemacht hatten und deckten ihn noch mit zwei Wolldecken zu .
Es war weit bis zum Krankenhaus im nächsten Dorf , zwölf Kilometer auf der Landstrasse , und das war immer noch näher als wenn sie ins Krankenhaus in die Stadt gegangen wären . Und es war eine stockfinstere Nacht , deshalb mussten sie Taschenlampen mitnehmen . Der Bruder von Othmar zog dann vorne an der Deichsel den Wagen und seine Mutter schob hinten und passte auf dass Othmar nur ja nicht runterfallen konnte und immer gut zu gedeckt war .

Othmar war tapfer , aber er hatte Angst , das spürte Maxl und er wäre am liebsten mitgelaufen damit er bei ihm sein konnte im Krankenhaus und aufpassen . Wie , - wenn Gott gerade keine Zeit hatte und sich nicht kümmerte ?? Bei Elli hatte er sich schliesslich auch nicht gekümmert ! Es war ja alles so schnell gegangen .
" Er kommt bald wieder " , sagte Maxls Mutter tröstend , während sie Maxl zurück hielt .
Aber Othmar ist nicht wieder gekommen .
Und die Nachbarn versammelten sich , die Erwachsenen und die Grossen in ihrer schwarzen Kleidung vor dem Nachbarhaus wo Othmar gewohnt hatte , genauso wie damals bei Elli nebenan . Und auch diesmal durfte Maxl nicht mit , als der Trauerzug sich aufmachte zum Waldfriedhof um Othmar zu beerdigen .
Und aus den Tränen der Trauer in Maxls Augen wurden Tränen des Zorns ! Es war einfach nicht richtig dass dieser Gott Kinder sterben liess , einfach so , - es waren doch Maxls Freunde !! Er mochte sich nicht damit abfinden , dass "man da halt nichts machen konnte" wenn der da oben es so wollte . Warum wollte der das so ? Wie konnte er sowas wollen ??

Als die Leute nicht mehr zu sehen waren rannte Maxl in den Wald , ganz tief in den Wald , so schnell er konnte . Bis zu dem grossen Felsen , wo das Echo war . Er kletterte hinauf , ganz nach oben , von wo aus man ein ganzes Tal überschauen konnte und viele Berge und andere Täler die weit weg waren .
Und Maxl schrie so laut er konnte : Du Gott ! - Gott !!!! - wo - bist - du - ??? Warum - machst- du sowas ?????
Er schrie es viele Male , aber an diesem Tag war nicht mal das Echo da , das seine Stimme hätte weiter tragen können .
So konnte Gott ihn wohl nicht hören , und es wunderte ihn nicht dass er keine Antwort bekam .
Aber hatte es überhaupt einen Wert zu rufen ? Für Kinder schien der ohnehin keine Zeit zu haben . Nein , hatte er nicht , Maxl wusste es jetzt ! Maxl würde nicht extra eine grosse Sünde begehen , aber er würde auch nicht mehr zu ihm beten .
Vielleicht würde das ja Sünde genug sein für Gott und er würde ihn eines Tages auch holen !
Und dann würde er es ihm schon sagen dass das überhaupt nicht gerecht war ....





Copyright © maeb 2000