Gute - Nacht - Geschichten


Ein Jakob



In derselben Strasse wie Maxl wohnte auch Georg . Der hatte sieben Geschwister , kleinere und grössere Geschwister . Das war natürlich nichts besonderes , weil ja alle Familien in der Strasse viele Kinder hatten . Aber dem Georg seine Geschwister waren alles Buben . Etwas ganz besonderes aber war es für Maxl dass dem Georg sein älterer Bruder , das war der wo Paul hiess - also der Paul der hatte einen Jakob .
Jakob war ein Rabe , oder eine Krähe . Der Paul hatte ihn einmal im Wald gefunden , weil da hatte der Rabe ein Bein gebrochen . Er hat ihn mit nachhause genommen und ihm das Bein geschient , einfach so mit einem Stück Holz und Schnur drum gewickelt . So hat das der Georg dem Maxl erzählt . Und wie das Bein wieder gesund war und der Jakob eigentlich hätte davon fliegen können , da ist er einfach geblieben . Wenn der Paul mit ihm draussen war dann hockte er ihm ständig auf der Schulter . Man brauchte ihn nicht am Fuss festbinden damit er nicht wegflog . Und wenn - dann ist er nie weit weg geflogen und immer wieder gekommen .
Der Jakob machte lustige Dinge und Maxl sah ihm gerne zu wie der so rum lief wenn er am Boden war , der konnte richtig laufen . Man konnte ihn auch auf die Hand nehmen , aber auf die Schulter setzte er sich nur beim Paul . Mal durfte der ihn sogar mit in die Schule nehmen weil der Lehrer damit Tierkundeunterricht geben wollte . Also der Georg war mächtig stolz auf seinen Bruder Paul dass der den Jakob hatte . Und Maxl bewunderte ihn auch . Es imponierte ihm mächtig dass er den Jakob so schön zahm bekommen hat . Das konnte sicher nicht jeder . So einen Jakob zu haben war sicher was schönes . Maxl wünschte sich er hätte auch einen .
Wenn Maxl so einen Raben hätte haben können , dann hätte er ihn auch Jakob genannt . Ein Jakob , einer der wo nur auf ihn gehört hätte . Maxl begann zu träumen . Er hätte ihn auch gerne gesund gepflegt und es wäre so schön gewesen .
Aber es war schwierig im Wald einen verletzten Raben zu finden . So sehr er auch Ausschau hielt - wann immer er im Wald gewesen ist , Maxl konnte nie einen verletzten Raben finden . Das war schade . Es war einfach sehr schade und , es machte Maxl traurig .

Zum Indianerspielen gehörte es sich dass man einen Flitzebogen hatte . Man musste lernen ihn sich selber zu machen . Dafür schnitt man sich einen schönen glatten Ast von einer Birke , das war am besten weil man die leicht biegen konnte . An beiden Enden schnitzte man eine Kerbe und daran befestigte man Packetschnur , womit man dann den Bogen spannen konnte . . Und die Pfeile schnitzte man auch aus dünnen geraden Ästen . Am dünneren Ende schnitzte man eine Kerbe damit der Pfeil nicht abrutschte auf der Schnur , und am dickeren Ende schnitzte man die Spitze . Das war wichtig damit die Pfeile auch richtig fliegen konnten . Man konnte damit recht weit schiessen . Natürlich war es verboten auf Kinder zu schiessen oder auf Hühner und Enten oder Katzen und Hunde oder Vögel . Am besten war es wenn man sich nicht sehen liess wenn man mit Pfeil und Bogen unterwegs war . Und am besten war es auch die Sachen zu verstecken bevor man nachhause ging .
Maxl konnte recht gut damit umgehen und er traf fast jeden Baum auf den er ziehlte . Wenn es Herbst war konnte man sogar auch gut auf Äpfel oder Birnen schiessen . Manchmal aber gingen Pfeile doch verloren wenn man in die Luft schoss oder eben einen Baum nicht traf . Oder eben die Pfeile wurden mit der Zeit zu kurz weil man die Spitze immer wieder neu schnitzen musste .

So kam es dass Maxl mal wieder durch den Wald streifte und nach geeignetem Holz für neue Pfeile suchte . Es gab genug Bäume , aber die Pfeile mussten ja schön gerade , nicht zu dick und nicht zu dünn sein , da bedurfte es schon grosser Sorgfalt bei der Auswahl . Da war es schon ein grosser Zufall dass eine Amsel die ein paar Meter von ihm entfernt auf dem Boden sass , ihn von seiner Aufmerksamkeit ablenken konnte . Sie flog nicht weg als er ihr näher kam . Das schien ihm sehr verwunderlich .
Vorsichtig näherte er sich ihr und sie blieb immer noch sitzen , obwohl sie sehr verängstigt wirkte . Irgendwas schien mit ihrem Flügel nicht zu stimmen . Aber als Maxl nach ihr greifen wollte hüpfte die Amsel mühsam ein paar Schritte weiter weg .
"Na du - was fehlt dir denn ? " fragte Maxl . "Bleib doch sitzen ich helfe dir ! " . Trotzdem hüpfte und flatterte die Amsel schwerfällig wieder weg sowie der Maxl nach ihr greifen wollte . "Armes Tier , bleib doch sitzen , ich will dir doch nur helfen ! "
Aber es schien so als wollte sich die Amsel nicht helfen lassen wollen . "Du bist doch verletzt ! - warum wartest du nicht ? "
Immer und immer wieder versuchte Maxl die Amsel zu greifen , aber sie war dann doch schneller als er und langsam ging ihm die Puste aus . Und je mehr sie sich ihm zu entziehen suchte , umso versessener wurde er darauf die arme Amsel einzufangen . Er musste ihr doch helfen ! Aber das arme Tier kapierte das nicht .
"Ich will dich gesund pflegen" rief ihr Maxl zu , " du musst doch keine Angst haben ! "
Ja , er könnte die Amsel gesund pflegen wie das der Paul mit dem Raben gemacht hat . Und die Amsel könnte dann auch bei ihm bleiben wenn sie wieder gesund ist . Na ja , sie wäre nicht so gross wie der Jakob und ob man einer Amsel den Namen Jakob geben könnte ...? Würde vielleicht nicht so gut passen . Aber egal , es wäre schön eine zahme Amsel haben zu können . Solche grossartigen Gedanken hatte Maxl , während die Amsel es immer wieder schaffte ihm zu entwischen . Das ging eine ganze Weile so . Und Maxl wurde langsam wütend auf die arme Amsel die es einfach nicht einsehen wollte dass er es nur gut mit ihr meinte . Im Gegenteil , sie entfernte sich immer weiter von ihm und flatterte sogar auf den Ast von einem Baum .
Wenn sie noch einen Ast höher fliegen würde dann könnte er sie unmöglich fassen . Und Maxl wurde traurig und verzweifelt weil sich sein Traum von einer zahmen Amsel nicht erfüllen würde . Und die Amsel flatterte tatsächlich beim nächsten Baum noch höher ....
Und Maxl wurde richtig wütend auf die arme verletzte Amsel , die wo sich nicht von ihm pflegen lassen wollte .
Dann blieb Maxl stehn . " Du bist wohl nicht genug verletzt Amsel !" sagte er , mehr zu sich selbst .
Und dann nahm Maxl seinen Bogen , legte den Pfeil an - und schoss .
So richtig wollte er eigentlich garnicht treffen . Nur ein bisschen mehr verletzen . Er hätte genauso gut garnicht treffen können .
Aber die Amsel fiel vom Ast und als sie unten war bewegte sie sich nicht mehr und war voller Blut .
Maxl hob die arme verletzte tote Amsel auf und war erschrocken . So tot wie sie in seiner Hand lag , hing alles so leblos an ihr herunter , die Flügel , der Kopf der nur noch halb war - und sie tat ihm leid . Nun konnte er sie doch nicht pflegen und alles ist umsonst gewesen .
Und - Maxl hatte auf einen Vogel geschossen , wo man das doch garnicht durfte ! Er würde das bestimmt niemandem erzählen - und schon garnicht dem Georg . Und einen Jakob würde er auch nie wieder wollen ....




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